Die Kinder der Regenmacher
Frei nach Aniceti Kitereza
Premiere: 11. Dezember 2002, Kampnagel, Hamburg
Die Kinder der Regenmacher ist eine afrikanische Familien-Saga, die das Leben vorkolonialer Zeiten in Tansania beschreibt. Der Autor, Aniceti Kitereza, der die Veröffentlichungen seines Buches im Jahr 1980 nicht mehr erleben durfte, hat auf der letzten Seite folgendes mitzuteilen:
"Zunächst sage ich euch allen Lebewohl. Nehmt ruhig eure eigenen Gespräche wieder auf. Ich verabschiede mich von euch, meine Mitmenschen und Gefährten, um nun wieder meinen eigenen Weg zu gehen.
Die Paläste dieser Welt sind nur eine Schlafstelle und kein Ort, wo die Menschen auf ewig leben können. Was ich hier schreibe ist für euch. Nur so werdet ihr begreifen, wer ihr seid und wohin ihr geht."
 
HAJUSOM! hat für seine neue Produktion eine Kurzfassung des 650 Seiten langen Buches erarbeitet, die von den aus verschiedenen afrikanischen Ländern kommenden Flüchtlingen nacherzählt und interpretiert wird.
Dabei begeben sich die Darstellerinnen und Darsteller auf die Suche nach ihrer eigenen Herkunft, ihren Traditionen, ihrer vermeintlichen Identität, die zum Teil verschüttet, oder aus der Erinnerung verbannt wurde und immer häufiger zum Klischee stilisiert wird. Doch ihre Rückbesinnung verläuft nicht ganz ohne Zwischenfälle, denn die aus dem Iran und Afghanistan kommenden Flüchtlinge folgen ihren Spuren...
 
Während die Afrikaner, angeleitet durch die Erzählung, ihre unterschiedlichen Heimat-Bilder entwerfen, sie aus dem Gedächtnis rekonstruieren und anreichern mit dem, was sie in Deutschland über Afrika, den dunkel lockenden Kontinent (Out of Africa) erfahren haben, werden sie beobachtet. Ihre Beobachter sind "Weiße" - oder wie sie sich selbst nennen - "falsche Weiße", junge Männer aus Afghanistan und dem Iran, die voller Neugier dem folgen, was die Schwarzen ihnen präsentieren.
Mit einer Kamera und anderen technischen Hilfsmitteln ausgestattet, die der genauen Beobachtung dienen, schleichen sie sich vorsichtig an das fremde Szenario heran. Zunächst noch auf leisen Pfoten, ganz wie ein Forschungsteam im Krüger Nationalpark, den Fährten wilder Tiere folgend.
Doch ihr schneller Übermut, entlarvt ihre Tarnung und verleitet sie zusehends dazu, ihre Abgrenzung aufzulösen. Die Fremden sind nämlich gar nicht so fremd, wie einst vermutet: Die Frauen sind begehrenswert, der moslemische Umgang mit Polygamie ist ihnen vertraut, das Essen schmeckt köstlich und selbst die Zeremonien des Regenmachers sind ihnen irgendwie bekannt.
 
Und so erfahren am Ende alle Darsteller übereinstimmend, dass sie sich auf dieser Theaterbühne einen idealen Raum geschaffen haben, eine Traum-Welt ohne Grenzen, in der und mit der sie unterwegs sein können.
Als "resident alien" haben sie längst schon einen Zustand der Entwurzelung erreicht, der ihnen eine neue Identität gibt. Sie sind hybride Wesen, die in einer immer mobiler werdenden Welt leben, überall und nirgendwo zuhause sind. Menschen, für die "Globalisierung" kein abgenutztes Schlagwort darstellt, sondern zu einem erstrebenswerten Lebensentwurf wird.
 
Die Flüchtlinge von HAJUSOM! haben gelernt, sich dafür stark zu machen, dass die Frage "Wo kommst du her?" inzwischen nicht mehr das gleiche bedeutet wie "Wer bist du?".
Mit Dank an Peter Hammer Verlag. 
 
 
 
 
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