Die Welt - 07.12.2000

Sie haben einander auf der Bühne erstochen
Hamburger Flüchtlingskinder spielen Theater. Sie trommeln, lachen, träumen, singen, tanzen und schweigen


Ein schönes Land mit Bergen und Stränden, die in der Sonne leuchten. Früher gab es dort sogar ein heiteres Nachtleben. Heute fragen sie dich, ob sie dir den Fuß oder die Hand abschlagen sollen; und wenn du dich nicht schnell genug entscheidest, hauen sie dir halt beides ab. So ist das jetzt in Sierra Leone, im Westen Afrikas, wo es Gold gibt und Diamanten, Titan und Eisenerz und allerdings auch dieses Schreckensregime und diesen fürchterlichen Bruderkrieg und ein Bruttosozialprodukt von 150 Dollar pro Kopf und Jahr.

Deshalb ist Alhaji jetzt in Deutschland. Ganz allein ist er gekommen; wie es den Eltern geht, weiß er nicht. Alhaji ist 16 Jahre alt und spielt Theater.

Afghanistan ist auch so ein Land, schön und geheimnisvoll und wild. Zuerst von den Russen, dann von den Mudjaheddin zerschossen, jetzt von den Taliban geknechtet. Ein Land, wo Frauen nicht allein ans Tageslicht und Männer mit den Frauen alles machen dürfen. Von Angola gibt es übrigens ähnliche Geschichten zu erzählen, auch von Togo und Burkina Faso oder dem Iran.

Wir haben sie alle gehört, am Dienstagabend hier in der Fabrik. Zuerst haben wir gestaunt, dann geschluckt, bis das nichts mehr half. Sie haben einander auf der Bühne erstochen: Hamed und Khatera und Mamadou und Baquira, sie haben einander geschlagen, haben gesungen, getanzt und manchmal sogar gelacht. Und am Ende, als wir kaum noch atmen konnten, da haben wir losgeheult.

Singen hätte helfen können, aber wir kannten ja ihre Lieder nicht. Ella Huck kennt sie schon seit fast zwei Jahren. Genau wie all die schrecklichen Geschichten.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dorothea Reinicke hat die freie Schauspielerin damals die Idee einer Freundin verwirklicht und mit elternlosen, jugendlichen Flüchtlingen eine Theatergruppe gegründet.

Zwischen drei- und fünftausend von ihnen gibt es allein in Hamburg, genau weiß das niemand. "Die meisten leben hier" - Ella Huck führt die folgenden Worte auf der Zunge wie drei spitze Gräten - "in den so genannten Erstversorgungseinrichtungen. Da sind wir hingegangen und haben versucht, Jugendliche zu begeistern."

Mit Erfolg. Schon im Mai 1999 stellte die Gruppe, nach den Kürzeln ihrer ersten drei Mitglieder "Hajusom" genannt, ihr Debüt auf die Bühne des Schlachthofes. Drei weitere Aufführungen folgten, nun feierte das jüngste Stück, das "7 Leben" heißt, in der Fabrik seine Premiere.

In Texten, Liedern, Tanz und Pantomime erzählen die 15 Akteure, die zwischen zwölf und 18 Jahre alt sind, Fragmente ihrer Biografien und immer wieder kleine Träume: von Amerika oder auch bloß einem Leben ganz in Sicherheit.

"Hinter diesen kurzen Szenen", sagt Ella Huck, "stehen oft unerträgliche Leidenswege. Manche der Jugendlichen haben schon drei oder mehr Jahre Flucht über Kontinente hinter sich, manche müssen arbeiten, um die Schulden bei ihrem Schlepper zu tilgen, über allen hängt die Abschiebung als drohende Gefahr. Nächste Woche etwa müssen unsere Afrikaner wieder zur Ausländerbehörde, und wir wissen nicht, ob sie im Januar bei den nächsten Aufführungen noch dabei sein können."

Kein bisschen hart, nicht einmal bitter wirkt die junge Frau, wenn sie so etwas sagt. Nicht ein Mitglied der ersten Besetzung ist mehr in Hamburg, die meisten wurden abgeschoben. "Manche sind weiter geflohen, einige auch untergetaucht."

Und so sei es nur natürlich, dass sie und die Kollegin Reinicke "Partei ergreifen". Nur als Sozialarbeiterinnen, bitte schön, möchten sie nicht bezeichnet werden. "Zum einen geht es uns wirklich um Theaterkunst. Wir arbeiten mit Profis und sehen die erzwungene Form ,Work in Progress' durchaus auch als Chance." Und außerdem - das spüre doch wohl jeder im Saal - "ist für viele der Jugendlichen die Theatergruppe der einzige positiv belegte Fixpunkt des Lebens in der Fremde. Die sind ja nicht hier, weil sie das so gerne wollten."

Als die Kinder und Jugendlichen zu hartem französischen Rap und Trommeln aus dem Mittleren Osten singen, als sie starr und eindringlich in die Runde schauen, beschleicht uns grauenhafte Scham. Zitate aus den Mündern frei gewählter, nämlich unserer Politiker, haben die 15 ihrem Stück vorangestellt, und jedes davon müsste, in die Tat umgesetzt, tausend Leben kosten.

Sie werden in die Tat umgesetzt. Jeden Tag. Wir werden das erleben - im Januar, wenn "Hajusom" uns wieder neue Gesichter zeigt. Der Nachschub ist garantiert. Wir können nicht mal um Entschuldigung bitten. Nur schlaflos bleiben diese Nacht.

Stefan Krulle

Weitere Aufführungen: 16. Januar 2001, 20 Uhr, 17. Januar 2001, 11 und 20 Uhr in der Fabrik.

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Die Welt - 07.12.2000: Sie haben einander auf der Bühne erstochen