Hamburger Abendblatt - 05.12.2000

"I have seen it live"

 

"I have seen it live", entgegnet der gut aussehende Junge, der seit einem knappen Jahr in Deutschland lebt. Mit strahlenden Augen tanzt er in einer HipHop-Szene.
 
"Seine Angstanfälle und die Schmerzen durch ein Magengeschwür sind ihm nicht anzusehen. Erst als er in seinem Monolog von Folter und dem Verlust seiner Familie erzählt, werden für einen Moment sein Leid und seine Wut sichtbar.
 
Es ist eine wilde Mischung aus Verzweiflung und Lebensgier, die die meisten prägt. Auch untereinander führen kulturelle Unterschiede bisweilen zu heftigen Konflikten, die oft nur mit Mühe verbal entschärft werden können und zum Teil danach spielerisch ins Stück integriert werden.
 
Die bildhübsche 16-jährige Winifred Brown kam mit 14 alleine aus Liberia nach Deutschland. Im Gegensatz zu ihrem Altersgenossen Sawadogu Sekou aus Burkina Faso ist Winnies Aufenthalt in Deutschland aus traurigen Gründen so gut wie gesichert: Sie leidet an Sichelzellenanämie und könnte in ihrer Heimat nicht behandelt werden.
 
Razak Amadou aus Togo ist mit 19 der Älteste im Ensemble. Sein Vater wurde gefoltert, der Bruder ermordet. Mit 16 kam Razak nach Hamburg. Nach vielen Kämpfen ist sein Asylantrag bewilligt worden. Jetzt will er Abitur machen.
 
Die 15-jährige Meshgan Hamidzada kam aus Afghanistan. Sie ist glücklich, dass vor kurzem auch ihre Eltern einreisen durften. "Früher habe ich jeden Tag geweint, aber jetzt wird alles gut." Wie es der 16-jährigen Victoria aus Sierra Leone geht, weiß niemand. Das schwer traumatisierte Mädchen, das alle mit seiner unglaublichen Stimme begeisterte, ist seit kurzem spurlos verschwunden.

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Hamburger Abendblatt - 05.12.2000: I have seen it live