Hamburger Morgenpost - 02.2001

Hauptsache, ich bin ein Mensch 
Ein Theaterstück über Flüchtlinge ist an sich nichts Ungewöhnliches. Das Stück "Sieben Leben" schon. Die Akteure sind Jugendliche aus Angola, Afghanistan oder Äthiopien, die ihre eigene Geschichte spielen. Eine Geschichte, die erzählt, wie sie ohne Eltern nach Hamburg kamen. Kathrin Schuster traf die beeindruckenden Jungschauspieler - bei Generalprobe und Aufführung.
 
"Die Zeit der Gastfreundschaft geht zu Ende." Lange hat Alhadii diesen Satz geübt, an Aussprache und Betonung gefeilt. Jetzt bringt ihm die Aufregung die S- Laute durcheinander. Sagt der schlacksige Jugendliche "Zeit", klingt es noch weich. Zeit heilt Wunden. Zeit trennt und führt wieder zusammen, wenn man Glück hat. Doch bei "Gastfreundschaft" angekommen, da zischt der deutsche Alltag allen Zuschauern in der Fabrik wie eine scharfe Klinge um die Ohren. Mit Beklemmung erinnert man sich an den CDU-Politiker, der dieses Statement abgab.
 
Alhadji ist 16 Jahre alt, stammt aus Sierra Leone und spielt Theater. Er ist eines der vielen Flüchtlingskinder, die Jahr für Jahr ohne Eltern in deutschen Erstversorgungseinrichtungen landen. Dort leben allein in Hamburg zwischen drei- und fünftausend, gut 15 von ihnen wirken in der Theatergruppe "Hajusom" mit. Benannt hat sich die Truppe nach den Kürzeln der ersten drei Mitglieder, betreut wird sie durch die Schauspielerinnen Dorothea Reinicke und Ella Huck.
 
"Unermüdlich haben beide in den letzten Monaten mit den Jugendlichen gearbeitet, dabei eiserne Nerven bewiesen und eigene Projekte zurückgestellt. Haben sich gefreut, wenn einem ihrer Akteure Asyl gewährt wurde, und sich gesorgt, wenn wieder die Verlängerung der Duldung anstand. Nicht ein Mitglied der ersten Besetzung ist mehr in Hamburg, die meisten wurden abgeschoben. Manche sind weiter geflohen, andere untergetaucht, einige einfach verschwunden", sagt Dorothea Reinicke und klingt dabei wie eine Nachrichtensprecherin. Doch wie eine, die richtig anpackt, sobald die Scheinwerfer ausgehen. Leise und beständig.
 
Dazu gehört nicht nur das Feilen an Aussprache und die Arbeit am künstlerischem Ausdruck, sondern auch ein freundschaftlich offenes Ohr. Wie bei der Generalprobe: Kaum haben Meshgan und Khatera die Aula erreicht, hängen die Schwestern aus Afghanistan bereits wie Kletten an den beiden Leiterinnen und erzählen vor, den Turbulenzen der Woche. Nicht anders als andere 14- und 16-Jährige haben sie viel zu erzählen. Lachen und toben dabei durch den Raum. Ernst wird Khatera erst wieder, als sie über die Kostüme spricht, Ja, der Tschador, der liegt ungeliebt in der Ecke.
 
In der Heimat müsste sie sich wie alle Frauen verschleiern, dürfte nicht in die Schule gehen. Schuld sind die Taliban. Bevor diese Männer Kabul beherrschten, ging es Khateras Familie gut. Glücklich lebten sie zu acht in einem großen Haus. Mit den Russen, Mudjaheddin und Taliban kamen die Raketen, Granaten und der Kopftuchzwang. Froh ist sie, diesem Terror entflohen zu sein. Zuerst nur mit den Geschwistern, dann endlich auch gefolgt von den Eltern.
 
Eine Episode aus dem Stück "Sieben Leben" greift Khateras und Meshgans Geschichte auf. Ella Huck und Dorothea Reinicke haben erst gut zugehört und dann gemeinsam mit den Kindern Texte und Szenen entwickelt. Dem Zuschauer gewähren sie fragmentarische Einblicke in Biografien oder Träume. "Hinter diesen kurzen Szenen stehen oft unerträgliche Leidenswege. Manche der Jugendlichen haben schon drei Jahre Flucht über Kontinente hinter sich, manche müssen arbeiten, um die Schulden bei Schleppern zu tilgen", erklären die Leiterinnen. "Bei Hajusom' finden sie endlich Ansprechpartner und ihren eigenen Ausdruck.' Dennoch, einem Missverständnis möchten Dorothea Reinicke und Ella Huck vorbeugen. Sie sehen sich weder als Therapeutinnen noch als Sozialarbeiterinnen, ihr Anliegen sei ein künstlerisches - und ein zwischenmenschliches.
 
"Komm, Navid. Komm Alhadji. Ihr seid cool. Ihr seid stark. Ihr seid in einer Gang", ruft Ella Huck den beiden Jungs beim Proben einer Tanzszene zu. Skeptisch schaut der 13-jährige Navid aus viel zu ernsten, dunklen Augen. Nein, seine Sache ist das nicht. Wohler fühlt sich Khateras Bruder, wenn er als Moderator mit dem Mikro durch die Reihen gehen und den Mitwirkenden ernsthafte Fragen stellen kann. Das macht er gut, obgleich er sich dabei skeptisch auf die Unterlippe beißt. Alhadji läuft währenddessen zu Höchstform auf. Er blickt das Publikum offen an, und ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel.
 
"Für viele unserer Mitwirkenden ist die Theatergruppe die einzig positiv besetzte Konstante ihres Lebens in der Fremde", kommentiert Ella Huck. "Sie sind ja nicht hier in Deutschland, weil sie dies so gern wollen." Auch Navid träumt noch von der bergigen Heimat - ohne die vielen Krater der Einschläge.
 
Politikeräußerungen wie "Wir brauchen weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen" kann der Junge nicht nachvollziehen, selbst wenn er die Worte ausspricht. Navid will nicht unterscheiden. "Hauptsache ist doch, ich bin ein Mensch", sagt er. So endet auch das bereits für Berlin gebuchte Stück. Die Welt steht den jungen Schauspielern offen, zumindest für den Moment. Stumm stehen sie im Halbrund. "We are the world, we are the children", tönt es aus den Lautsprechern.

Kathrin Schuster

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