Young Miss - 04.2001

Neue Heimat gesucht 


In Deutschland darf M E S H G A N sich modisch kleiden und, sie genießt diese Freiheit. Dennoch waren die ersten zwei Jahre, in denen sie nur mit ihren Geschwistern hier war, hart für sie. "Ich habe jeden Tag geweint und hatte Angst, meine Eltern nie wiederzusehen."
In Afghanistan herrscht Krieg, ihr Vater wurde zum Militärdienst eingezogen. Ihre Mutter schaffte es mit der Hilfe von Verwandten, ihre Kinder in ein Flugzeug nach Deutschland zu setzen. Die Mutter wollte auf ihren Mann warten. Dann brach der Kontakt ab. Vor einem Jahr standen ihre Eltern plötzlich vor Meshgans Tür im Wohnheim. "So sehr haben wir noch nie gefeiert," sagt das Mädchen glücklich. Von einem Onkel hatten die Eltern erfahren, wo ihre Kinder jetzt wohnen. Obwohl die Familie seitdem in Hamburg lebt, bewahrt sie ihre afghaniscne Kultur. So darf Meshgan keinen Freund haben. Sie muss warten, bis ihre Eltern jemanden für sie aussuchen. Auch ihr Bruder dürfte von einem Freund nichts erfahren. Denn wie in "7 Leben" gezeigt, wäre es ihm nach afghanischem Recht erlaubt, diesen umzubringen
 
Anfangs führten die kulturellen Unterschiede innerhalb der Theatergruppe zu Unstimmigkeiten. Auf der einen Seite die afghanische Kultur, in der die Mädchen fremden Jungen nicht zu nah kommen dürfen, auf der anderen die afrikanische Mentalität, zu der Tanzen und Flirten selbstverständlich dazugehören. "Doch mittlerweile haben alle viel Verständnis füreinander", so Regisseurin Dorothea Reinicke. Und die Mädchen ein neues Selbstbewusstsein. Gegen Ende des Stückes sagt Meshgan: "Ich habe in Deutschland gelernt, dass es für die Liebe zwischen Mann und Frau keine Vorschriften gibt. Danke."
So ein Fortschritt macht die Regisseurinnen sehr stolz: "Wir freuen uns, wenn wir solche Entwicklungen lostreten können." Der freundschaftliche Umgang hat ein gutes Klima geschaffen. Ob jedes einzelne Wort der berichteten Geschichten stimmt, ist nicht entscheidend. Dorothea: "Wichtig ist, einer Person grundsätzlich glauben zu können." Das Vertrauen zueinander ist da. Und ständig begleitet alle die Angst, wieder auf ein Mitglied der Gruppe verzichten zu müssen. Denn es kann jederzeit passieren, dass jemand abgeschoben wird. Von der ursprünglichen Besetzung sind nur noch vier Jugendliche dabei. Von denen, die Deutschland wieder verlassen müssen, hört niemand mehr etwas.
 
Auch um S A W A D 0 G U aus Burkina Faso sorgen sich die beiden Initiatorinnen. Seine Abschiebung wäre ein großer künstlerischer Verlust. Sawadogus Auftritte sind etwas ganz Besonderes und verzaubern das Publikum. Beispielsweise wenn er als großer Vogel aus dem blauen Wald einfliegt, um die Ankunft der Jäger anzukündigen. Seine Präsenz und die Geräusche, die er von sich gibt, entführen das Publikum direkt in den afrikanischen Urwald. Das Theater hat für Sawadogu eine große Bedeutung und er für dasselbe ein unübersehbares Talent. Sein Vater war kulturell sehr interessiert und gab diese Vorliebe an seinen Sohn weiter. 'Ich habe bereits zehn Jahre in Afrika Theater gespielt und würde gerne Schauspieler werden', erzählt der 17 --Jährige. Um diesen Wunsch zu verwirklichen, müsste seine Zukunft gesichert sein. Vor neun Monaten ist Sawadogu nach Deutschland geflüchtet. Seine Eltern sind tot, von seiner kleinen Schwester weiß er nichts. Der Vater arbeitete als Journalist und wurde wegen seiner kritischen Berichterstattung politisch verfolgt und ermordet. Dass auch Sawadogu in seiner Heimat gefährdet ist, muss er bei der Ausländerbehörde erst beweisen - fast unmöglich von Deutschland aus. Bis ihm das gelingt, kann er täglich abgeschoben werden, wie schon einige seiner Freunde vor ihm.
Dann bleiben ihm nur zwei Tage zum Packen, bevor er von den deutschen Beamten ins Flugzeug gesetzt wird.
 
Über die verschiedensten Wege erreichten die jungen Flüchtlinge Deutschland. Das Boot, das bei "7 Leben" auf der Bühne steht, symbolisiert die Flucht und steht für alle Boote, Flugzeuge, LKW oder Züge, mit denen jedes Jahr Hunderte von Asylsuchenden nach Europa gelangen. Viele von ihnen sind monatelang unterwegs und zahlen dafür viel Geld, oft die gesamten Ersparnisse der Familien. In der Hoffnung, dass ihre Kinder in einem anderen Land überleben und eine bessere Zukunft haben, schicken ihre Eltern sie fort. Die Jugendlichen müssen schnell lernen, erwachsen zu werden. So wie Hana. Der Schritt in das neue Land kam für sie ohne Vorwarnung und ist wie bei allen eine der prägendsten Erfahrungen ihres bisherigen Lebens. Auch davon erzählt das Stück."7 Leben" schafft es, bei den Zuschauern Verständnis für fremde Lebensumstände zu wecken und gleichzeitig die Situation im eigenen Land kritisch zu überdenken. Ein Jugendlicher sagt zum Beispiel: "Als erstes habe ich hier in einer Art BigBrother-Haus gewohnt, mit zehn Leuten in einem Container." Und Hana berichtet über ihre Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln: "Als ich in Deutschland die ersten Male Bus gefahren bin, habe ich immer meine Station verpasst. Ich habe mich nicht getraut, den roten Knopf zu drücken. In Afrika rufen wir einfach stop!"
 
H A N A kommt aus Äthopien. Sie ist seit eineinhalb Jahren, in Hamburg. Ihre Flucht kam für die damals 14-Jährige überraschend: .,Eines Morgens stellte meine Mutter mich vor vollendete Tatsachen, Sie hatte meine Ausreise bereits organisiert.
 
Zu dem Zeitpunkt saß Hanas Vater bereits seit fünf Jahren im Gefängnis, die Mutter war krank und nicht Herrin der Lage, ihre drei Kinder durchzubringen, Hana war verzweifelt, als Einzige ihre Familie verlassen zu müssen. Doch schließlich hörte sie auf ihre Mutter und flog noch am selben Tag mit einem Freund des Vaters nach Frankfurt. Seit dem Abschied hat sie nie wieder von ihrer FamiIie gehört, Gedanken an die Vergangenheit versucht sie zu verdrängen. So hart der Einschnitt war, so nüchtern teilt Hana die Entscheidung ihrer Mutter heute: Sie hatte sicher Recht. Ich denke, es war besser für mich.- Die junge Afrikanerin möchte hier in Deutschland die Schule beenden und danach als Flugbegleiterin arbeiten.
 
Träume und Ziele haben alle, die in "7 Leben" auf der Bühne stehen. Sie geben ihnen die Kraft, durchzuhalten und gegen die schrecklichen Erinnerungen anzukämpfen. Das vorerst Wichtigste für sie ist jedoch der Stempel auf dem nächsten Visums- Antrag. Wenn den in den kommenden Monaten alle erhalten, kann es für das Theaterprojekt weitergehen. Anfragen aus vielen Teilen der Republik haben sie bekommen, eine kleine Tournee ist geplant. Und alle hoffen, dass jeder von ihnen dabei sein wird.

Svenja Lassen

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Young Miss - 04.2001: Hajusom!