Hamburger Morgenpost - 05.12.2002

Die Kinder der Regenmacher


 
Sie kommen aus Sambia, dem Iran, Guinea oder Afghanistan. Sie leben in Hamburg in Wohngruppen oder - wenn sie großes Glück haben - bei Verwandten. Einige sind schon seit Jahren in Deutschland, andere erst seit wenigen Monaten: Unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge, die aus unterschiedlichsten Gründen ihr Heimatland verlassen mussten. In Hamburg haben sie in der Theatergruppe »Hajusom!« e inen Ort gefunden, der sie stärkt - und der sie starkes Theater machen lässt.
 
"Komm, steh auf!" Doch der Junge am Boden schüttelt den Kopf - und grinst. Hassan hat gerade gegessen, ist satt und zufrieden und mag jetzt nicht aufstehen. Außerdem ist die kleine Ecke mit Sofa und Teppichen in der riesigen Kampnagelhalle einfach gemütlich. Aber schließlich können viele freundliche Worte ihn doch bewegen, und nachdem die anderen ihm auf die Füße geholfen haben, kann die Theaterprobe weitergehen.
 
Solche Szenen sind bei den Proben zu "Die Kinder der Regenmacher" nichts Ungewöhnliches. In der Theatergruppe Hajusom! hilft man sich gegenseitig auf die Füße, ganz konkret und im übertragenen Sinn. Denn Hajusom! ist eine Gruppe jugendlicher Flüchtlinge, die in Hamburg leben, hier zur Schule gehen und gemeinsam Theater spielen. Sie alle kamen allein, ohne Eltern, auf den verschiedensten Wegen nach Hamburg. Einzeln hat jede(r) ein Schicksal, aber gemeinsam sind sie Hajusom!
 
"Sprich lauter", ruft die Regisseurin Dorothea Reinicke einem Mädchen zu, das seinen Text ängstlich aufsagt. Mut gehört zum Theater spielen, und Mut zu machen, gehört zu den Aufgaben des Leitungsteams: Ella Huck, Claude Jansen und Dorothea Reinicke sind als Trio für Konzept und Regie verantwortlich; Katharina Oberlik ist als Choreografin dabei. Alle vier haben sich auf einen Drahtseilakt eingelassen, der zwischen den eigenen künstlerischen Ansprüchen, dem tatsächlich Machbaren und jeder Menge gemeinsam gelebtem Alltag die Balance sucht. Warum? "Weil die Jugendlichen unser Herz gewonnen haben", erklärt Dorothea. Und sie erzählt von den Anfängen: " Als Ella Huck und ich 1998 den ersten Antrag auf Förderung stellten, dachten wir nicht an Projekte über mehrere Jahre. Doch wir haben gemerkt, dass die Kontinuität dieser Arbeit wichtiger ist als das produktionsorientierte Herangehen. Wir wollen gutes Theater machen, aber wir wollen auch kontinuierlich Theater machen, und erst die regelmäßigen Treffen lassen Vertrauen entstehen."
 
Drei Jugendliche haben der Theatergruppe damals ihren Namens(-teil) gegeben: die Kurdin Hatice, Jusef aus Afghanistan und der Iraner Omid. Doch sie sind längst nicht mehr dabei: Hatice wurde abgeschoben, Jusef ist aufgrund des aussichtslosen Asylverfahrens in ein anderes Land geflohen, und Omid tauchte aus Angst vor Abschiebung unter. Auch jedes der heutigen 16 Mitglieder von Hajusom! steckt in einem laufenden Verfahren. Niemand weiß, wie lange die "Duldung" noch gewährt wird, insofern ist die Fluktuation in der Gruppe groß. Und doch: Seit den Anfängen im Februar 1999 sind es immer bis zu 20 Mädchen und Jungen im Alter von 13 und 19 Jahren. Sie kommen vor allem aus westafrikanischen Ländern, Afghanistan und dem Iran.
 
Der Clash der Kulturen machte die Zusammenarbeit zu Beginn alles andere als einfach. Mädchen aus Afghanistan trafen bei Hajusom! zum ersten Mal auf gleichaltrige männliche Jugendliche. Es entstand reichlich Konfliktpotenzial in der unabgestimmten Kontaktaufnahme und durch unterschiedliche Sprachen. Was lag da näher, als autobiografisches Material der Jugendlichen zum Ausgangspunkt für die ersten (vier) Stücke zu machen. Zur künstlerischen Arbeit kam so die sozialpädagogische, die nicht selten auch therapeutische Aspekte bekam. Aber so konnten sich die Konflikte manchmal in gestaltete Szenen verwandeln, die im I dealfall von den Betroffenen selbst auf der Bühne gespielt wurden.
 
Vor genau zwei Jahren hatte dann "7 Leben" in der Hamburger Fabrik Premiere. Das Stück brachte nicht nur eine neue Qualität in die gemeinsame Arbeit, sondern machte Hajusom! zum Bundespreisträger der Berliner Festspiele 2001. Aber auch da waren sie letztlich noch in der "Rolle" von Flüchtlingen auf der Bühne, die genau so viel von sich preisgeben, wie sie wollen.
 
Das ist im aktuellen Stück anders. "Die Kinder der Regenmacher" nimmt sich Afrika thematisch vor, weil die afrikanischen Darsteller zurzeit die Mehrheit bilden. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Buch des afrikanischen Autors Aniceti Kitereza und beschäftigt sich mit traditionellen Lebensformen in Afrika - doch was ist das eigentlich? Die nicht tot zu kriegende Vorstellung der Weißen vom dunklen Wilden? Oder die eigene, erlebte Vergangenheit? Oder das, was die Medien daraus machen? Das Fremde und das Eigene - im Schauspieler mit Flüchtlings-Vergangenheit bekommt beides eine sehr komplexe Dimension. "Die Kinder der Regenmacher" erzählt die Geschichte von weißen Forschern und Journalisten, die mit Afrikanern einen Film über deren Lebensweise drehen. Fragen wie "Essen Sie eigentlich noch Menschenfleisch?" haben die Jugendlichen augenzwinkernd ins Stück hinein gedichtet und dem dämlichen Journalisten in den Mund gelegt.
 
Doch auch der Original-Text hat Bezug zu denen, die ihn sprechen. "Wir sollen mit Menschen leben, die wir keinen einzigen Tag kennen, deswegen fließen die Tränen", sagt Winnie in ihrer Rolle als Mutter. Sie kommt aus Liberia und ist von Anfang an bei Hajusom! Baquira aus Angola ist seit über zwei Jahren dabei; zu Beginn wagte sie kaum zu reden, doch nun hat sie eine zentrale Rolle übernommen. Einer der Jüngsten der Gruppe ist Arman aus Afghanistan. Das Bein, das eine Mine ihm nahm, wurde in Deutschland durch eine Prothese ersetzt, er hinkt nur leicht und spielt den Koch mit umwerfendem Selbstbewusstsein. Und Hassan, der dann ja doch noch aufstand, spielt den Regenmacher, den man bei Kinderlosigkeit und verloren gegangener Liebe zwischen Eheleuten zu Rate zieht. Hassan war Kindersoldat in Sierra Leone, konnte von dort fliehen und kam schließlich nach Hamburg, nie mehr will er in sein Heimatland zurück.
 
Die Entwurzelung jedes Einzelnen war zu Beginn eine Basis, aber die Suche nach der eigenen Identität wurde während der Arbeit zum gemeinsamen Nenner. Alle fühlen sich wohl bei Hajusom! Hier sind sie unter Gleichen, müssen sich nicht erklären, hier können sie Bindungen aufbauen und ein Gefühl für Zusammenhalt entwickeln - allen Erlebnissen der Vergangenheit und erst recht der unsicheren Zukunft zum Trotz. Nach Hajusom steht immer ein Ausrufezeichen! Und nach jeder Probe verabschieden sich alle mit dem Hajusom!-Ruf und einem Turm, den sie aus lauter Händen in ihrer Mitte bilden. "Hajusom! ist unsere Familie", sagen sie.

Dagmar Fischer

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Hamburger Morgenpost - 05.12.2002: Die Kinder der Regenmacher