Mainzer Rhein Zeitung - 20.09.2003

Suche nach der eigenen Identität

Eine Theatergruppe auf Zeit: Hajusom zeigt im KUZ die beeindruckende Produktion "Die Kinder des Regenmachers"


 Sie kommen aus Afrika, Afghanistan und dem Iran, sind vor Krieg und Hunger geflohen, haben Familie und Heimat verloren, leben in ständiger Angst vor Abschiebung - und spielen Theater: Die jugendlichen Schauspieler der Gruppe Hajusom aus Hamburg. Im KUZ zeigten sie ihre beeindruckende Produktion "Die Kinder des Regenmachers".
 
"In meinem Leben habe ich alles aufgegeben. Jetzt bin ich ein anderer Mensch geworden", lässt Schauspieler Ben Sanogo aus Benin seine Figur kurz vor Ende der Inszenierung sagen. Er meint damit nicht nur seine eigene Biografie, sondern die Lebenssituation sämtlicher Schauspieler der Theatergruppe Hajusom - ein Ensemble von 14 Jugendlichen, die als unbegleitete Flüchtlinge in Hamburg leben. Sie sind kein festes Ensemble, denn viele Spieler sind bereits abgeschoben worden oder untergetaucht. Wie lange die Gruppe in dieser Formation bestehen bleibt, weiß keiner von ihnen.
 
Ende der 90er Jahre gründeten die Regisseurinnen Ella Huck und Dorothea Reinicke das Hamburger Theaterprojekt. Für die Mitglieder bedeutet das für eine Ungewisse Zeit einen Ort der Heimat und der Freundschaften. In den Aufführungen erzählen sie ihre eigenen Geschichten, von Flucht, Dasein in der Fremde und der Suche nach eigener Identität.
 
Für die aktuelle Produktion "Die Kinder des Regenmachers ", jetzt beim integrativen Theaterfestival im KUZ zu Gast, diente der gleichnamige Roman des afrikanischen Autors Aniceti Kitereza als Vorlage. Gezeigt werden in einer Familiengeschichte die Sitten und Traditionen Afrikas in vorkolonialer Zeit. Dabei wird die Familie von einem afghanisch-iranischen Fernsehteam gefilmt und befragt. In den "Drehpausen" treffen sich beide Gruppen und diskutieren über Sichtweisen des Fremden und kulturelle Unterschiede.
 
Auf der Bühne erscheint die Welt im Kleinen: Dem afrikanischen Nomadenzelt gegenüber steht ein Ledersofa auf persischen Teppichen. Mittendrin kocht Jack (umwerfendend witzig: Arman Marzak) ein afrikanisches Versöhnungsessen. Der Geruch von' Zwiebeln und Gewürzen strömt durch den Zuschauerraum. Während die afrikanischen Schauspieler Riten der Brautschau, Hochzeit und Liebesbeschwörungen darstellen, werden sie mit Kamera und Mikros vom Reporterteam erforscht. Dabei werden immer wieder klischeebeladene Vorstellungen des Fremden freigelegt: "Esst ihr eigentlich Menschenfleisch?", fragt Journalist Habibi (Hamidullah Habib) den afrikanischen Mr. Will (Ben Sanogo). "Natürlich", antwortet dieser und geht davon.
 
Zu Hiphop-Beats werden Tradition, Vorstellungen vom Fremden und westliche Realitäten in ein Spannungsfeld gesetzt und mit viel Witz und Charme auf die Bühne gebracht. Die Lebenssituation der Darsteller gerät trotz der Leichtigkeit nicht in Vergessenheit. Zutiefst berührend sind die Träume, von denen sie im Epilog erzählen: Hamidullah etwa wünscht sich nichts mehr als Glück für seine Mutter, von der er nicht weiß, ob sie noch lebt.
 
Tosenden Beifall erhielt die Gruppe - eine Anerkennung, die den minderjährigen Flüchtlingen bei der offiziellen Asylpolitik zumeist verwehrt bleibt.

Anette Klotz

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