Meine Geschichte
Bei dem Theaterprojekt "Hajusom!" arbeiten unbegleitete Flüchtlingskinder aus
verschiedenen Ländern zusammen
 

Jamal ist wütend. Für seinen Freund Jusef hat er eine Geburtstagsfeier organisiert. Doch während sich die Gäste amüsieren, hockt Jusef im Nebenzimmer und starrt finster an die Wand. Spielverderber, denkt Jamal. "Egoist!" schreit er. Dem Freund direkt ins mürrische Gesicht. Da steht Jusef auf. Er wendet den Blick von der Wand und fängt an zu erzählen. Von Afghanistan, wo er und seine Familie ein glückliches Leben führten. Bis das neue Regime kam. Eines Tages standen die Taliban vor der Tür, nahmen seinen Vater mit und erschossen ihn, weil er angeblich Kommunist war. Die Mutter ließ daraufhin Jusef und seine Schwester Abeda vom Onkel außer Landes schaffen. "Jetzt bin ich hier und habe keinen Kontakt zu meiner Mutter, auch nicht zu meiner Familie", sagt Jusef. Jamal beginnt zu verstehen. Er geht auf seinen Freund zu und umarmt ihn.

Bis zum 27. Mai werden sich Jamal und Jusef noch einige Male streiten und wieder versöhnen. Denn so lange dauern die Proben für das Stück Hajusom!, ein von der Kulturbehörde gefördertes Theaterprojekt, das die Schauspielerin Ella Huck und die Regisseurin Dorothea Reinicke seit Februar zusammen mit 15 Mädchen und Jungen erarbeiten. Die Jugendlichen sind alle unbegleitete Flüchtlinge: Sie sind ohne ihre Eltern aus Afghanistan oder Afrika geflohen. So wie Jusef und seine Schwester vor drei Jahren. Seitdem wohnen die beiden in der städtischen Erstversorgungseinrichtung am Maienweg. Dort entstand auch die Idee zu Hajusom!. Huck und Reinicke boten Jugendlichen an, mit ihnen ein Bühnenprojekt zu realisieren. Die Jugendlichen selbst stellten dann einen Antrag auf Förderung bei der Kulturbehörde. Dorothea Reinicke: "In einer Probenzeit von nur drei Wochen konnten wir natürlich keine völlige Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit leisten. Trotzdem werden solche Erlebnisse auch thematisiert."

Wie das Leben der jungen Darsteller bewegt sich deshalb auch die Collage Hajusom! zwischen Lebensfreude und der Erfahrung von Fremdheit und Schmerz: Da wird eben noch zu einem indischen Popsong ausgelassen getanzt, während die nächste Szene schon von Straßenkämpfen oder der Flucht aus der Heimat handelt. "Wir sind grundsätzlich sehr zurückhaltend bei der Aufforderung, etwas von der eigenen Vergangenheit zu erzählen", sagt Dorothea Reinicke. "Manchmal ergeben sich entsprechende Szenen aber von alleine." Als die beiden Leiterinnen die afghanischen Mädchen mit Tüchern experimentieren ließen, entstand daraus ein Appell gegen das Verhüllungsgebot. Auch Jusef hat seine Szene mit Jamal selber geschrieben: "Wir hatten ihn auf seine Zurückhaltung angesprochen", erzählt Ella Huck. "Am Tag danach kam er mit dem Text an. Er meinte: -das ist meine Geschichte'."

Während Jamal und Jusef bei ihrer Szene im Vordergrund der Bühne miteinander reden, wird die Flucht Jusefs im Hintergrund von der Gruppe nachgespielt. Daß dabei auch Mädchen Männerrollen übernehmen, war für die Afghanen am Anfang nicht selbstverständlich: "Die älteren Brüder fühlen sich für ihre Schwestern sehr verantwortlich. Erst wollten sie die Mädchen gar nicht mitspielen lassen. Schon gar nicht in Männerrollen", erzählt Reinicke. Mittlerweile ist das jedoch selbstverständlich. Die gemeinsame Arbeit hilft, den anderen zu verstehen. Und dabei ist eine gemeinsame Sprache manchmal gar nicht so wichtig. Wenn etwa Jacques aus Sierra Leone in sich gekehrt seine Kung-Fu-Choreographie zum melancholischen Rap von Puff Daddy tanzt, ist jedes erklärende Wort überflüssig. Die Sprache der Bewegung versteht jeder, egal ob er aus Sierra Leone, Afghanistan oder Hamburg kommt.

Kristina Maroldt

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taz - 05.1999: Meine Geschichte