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Über die Suche nach dem Paradies

Ein Puppenspielkünstler aus Mali lehrt die jungen Flüchtlinge und Migranten der Theatergruppe Hajusom die Kunst des Puppenbauens und Spielens. Daraus entwickeln sie ein Stück über Heimat und Fremde, über die Sehnsucht nach dem Paradies.

 

Die großen Augen blicken starr aus dem schmalen, kantigen Gesicht. Die schwarz-wollenen Haare sind zum Zopf gebunden. Wenn der Geist die Arme ausbreitet, wird er zu einer übermenschlichen Mauer. Aus der Ferne erklingen sphärische Klänge. Dann hebt er seine knarzende Stimme. „Ich sehe, wie eure Eltern alles verkaufen, um ihre Kinder auf die Reise zu schicken“, sagt der Geist. „Viele sind unterwegs, zu Fuß, in Booten. Einige ertrinken. All das, um im Hafen von Europa anzukommen.“

Yaya Coulibaly klatscht in die Hände, seine dunklen Augen blitzen. „Superb“, ruft er. „Beim nächsten Mal reagiere bitte auf die Musik. Drehe langsam den Kopf, als würdest du aufwachen.“ Das Gewand hebt sich und erst schlüpft Isaac hervor, um dann seinem Schauspielerkollegen Omid zu helfen, die riesige Holzkonstruktion herunterzuheben. „Der Geist wird eine wichtige Rolle spielen“, kündigt Yaya Coulibaly an. Die jugendlichen Ensemblemitglieder sitzen im Halbkreis um die Bühne und schauen aufmerksam zu.

Was auf der Probebühne 6c der Kulturfabrik Hamburg-Kampnagel gerade geschieht, ist eine erste künstlerische Annäherung. Die Schauspieler lernen diese Puppen aus dem westafrikanischen Kulturkreis mit einer Jahrtausend alten Tradition zu bewegen und auszudrücken. Es sind jugendliche Flüchtlinge und Migranten, die selbst – oder ihre Eltern – aus Afghanistan, Iran, Sierra Leone, Elfenbeinküste oder Ghana stammen und nun in Hamburg leben. Dies ist eine Kooperation zwischen Hajusom und Yaya Coulibaly, der zu dem zweiwöchigen Workshop in Hamburg seinen ältesten Sohn Facinet Cheikhou, der in seine Fußstapfen treten wird, und den Neffen Ousmane, einen Meister im Puppenbau, mitgebracht hat.

Auch Yaya Coulibaly ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der Spross einer uralten Puppenspielerdynastie aus Mali hat an der Pariser Sorbonne Anthropologie studiert. Anders als viele seiner Landsleute ist er jedoch in seine Heimat zurückgekehrt und leitet heute in seinem Haus in Bamako das berühmteste Puppentheater des Landes, die Kompagnie Sologon. Dort arbeitet er mit jungen Menschen, um sie von der Auswanderung nach Europa abzuhalten. „Sie sind auf der Suche nach dem Paradies, doch für viele ist Europa die Hölle“, sagt er. „Das Paradies ist doch dort, wo mein Dorf, meine Familie ist.“

Zuvor haben die Ensemblemitglieder, deren künstlerische Leitung und die malischen Gäste eine Woche lang in einem alten Backsteinhaus irgendwo auf dem platten Dithmarscher Land die Puppen und Marionetten gebaut. Die 25 Menschen haben gemeinsam gearbeitet, gegessen und geschlafen. Verständigt haben sie sich per „Ausländertechnik“, wie Arman ein „alter Hase“ aus dem Ensemble, das Reden mit Händen und Füßen beschreibt. Von früh bis spät haben sie im Garten Holklötze zu Köpfen gehackt, Gesichter und Hände geschnitzt, Kalebassen bemalt, Hosen und Gewänder genäht, Haare geklebt und Fäden verknüpft. Die traditionellen Materialien wie Kalebassen, Bambushölzer und bunt bedruckte Stoffe sowie die speziellen Werkzeuge wie Hacken, Schnitzmesser und Bohrer haben die Puppenbauer aus Mali mitgebracht.

Hier wurde auch die Geisterpuppe geboren, die in jeder Produktion von Yaya Coulibali ihren festen Platz hat. „Wir waren gerade auf dem Land angekommen, da entdeckte ich diesen toten Baum. Er ist das Symbol des Sieges der Lebenden über die Toten“, erzählt er. Stamm und Äste wurden zur Marionette des toten Baumes, dem Geist „Er schenkt Leben. Wenn wir aus ihm heraustreten, sind wir wie Kinder, die aus dem Bauch der Mutter kriechen.“ Er soll Hajusom begleiten.

Auch Ideen und Songs haben sie entwickelt. „Die entstehen häufig ganz nebenbei“, erzählt Emanuel, der zur Nachwuchsgruppe des Ensembles, den Neuen Sternen, gehört. Vor zwei Jahren ist der heute 17-Jährige nach Hamburg gekommen. Es war das Ende einer langen Reise, die irgendwann in Ghana begonnen hatte. Über seine Heimat, über die Familie möchte er nicht sprechen. Sein Betreuer aus der Jugendwohnung schickte ihn zu Hajusom, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Gitarrespielen, Singen und Schauspielen wurden zu einer wirksamen Medizin gegen Heimweh und Zukunftsangst. An einem der Abende auf dem Lande fläzte sich Emanuel auf dem Sofa in der Stube. „Ich fühle mich dort wie in einer großen Familie“, erzählt Emanuel. „Ich wusste, wohin ich gehöre“. Seine Gedanken drifteten in weite Ferne. Wie losgelöst zupften seine Finger die Saiten der Gitarre. Die Töne suchten und umarmten sich, wuchsen zu Akkorden voller Einsamkeit und Melancholie.

Pee, wie die groß gewachsene Priscilla von allen genannt wird, und die temperamentvolle Maria hingen in alten Lehnsesseln ab. Sie fingen die Gitarrenakkorde mit ihren warmen, vollen Stimmen ein. Verwoben sie zu einer traurigen, klagenden Melodie. „Mama, Mama-a“ sangen sie: Ein neuer Song war entstanden.

Alle Puppen, Melodien und Ideen haben sie in großen Reisetaschen verpackt und auf unzähligen Blättern notiert mit nach Hamburg zurückgebracht. Auf der Probebühne auf Kampnagel geht es nun ans Ausprobieren, ans künstlerische Formen. Der Workshop mit Yaya Coulibaly ist ein Baustein für die Produktion „Paradise Mastaz“, die im April Premiere feiern soll.

Regisseurin Ella Huck zählt laut „drei, zwei, eins“, das Zeichen für Ruhe und Konzentration. Die Jugendlichen üben die Bewegungen von Marionetten. Wenn der Partner ein Gelenk berührt, wird der Körperteil mechanisch bewegt. So werden sie zu Marionetten, die sich wie ferngesteuert, ungelenk und steif vorwärtsbewegen. Die Erfahrungen der Jugendlichen mit Körperarbeit und Schauspiel ist deutlich zu sehen. Jede ihrer Bewegungen drückt Selbstbewusstsein und Lebensfreude aus.

Nach dem „Warm-Up“ greifen die Schauspieler ihre Puppen, Emanuel den Emu, Omid und Isaac hieven die Geisterpuppe hoch. Nun geht es ans Improvisieren. „Bitte denkt euch eine kleine Geschichte zu den Figuren aus. Wer ist sie, woher kommt sie, was macht sie?“, fordert Ella Huck auf. Währenddessen hockt Ousmane, Yayas Neffe, im Schneidersitz am Bühnenrand. Er knotet ein Fadenende an die Hand einer mit einem braunen Kostüm bekleideten Puppe, das andere verknüpft er mit dem Holzkreuz. So gibt er den Puppen und Marionetten den letzten Schliff.

„Die Puppen stehen für das heutige Afrika. Sie zeigen den Weg der Menschen, den sie einschlagen, wenn sie irgendwohin gehen, um mehr Chancen auf ein zufriedenes Leben zu haben“, erklärt Dorothea Reinicke, die zusammen mit Ella Huck vor 13 Jahren das interkulturelle Theaterprojekt ins Leben gerufen hat. Die Themen Flucht und Migration spielen in all ihren Produktionen eine zentrale Rolle. „Aber wir wollen über die Einzelschicksale hinausblicken. Wir suchen das, was uns über die verschiedenen Kulturen hinweg verbindet.“ Zum ersten Mal jedoch nähern sie sich dem Thema über Puppen. Diese Technik sei eine große Herausforderung, meint Arman, der bereits seit zehn Jahren zum Ensemble gehört. „Es ist schwer, die Puppe zu spielen. Man muss sich vollkommen auf sie konzentrieren, nicht auf sich.“

Vor 13 Jahren zertrümmerte eine Granate, die Arman und seine Freunde beim Spielen entdeckt haben, sein Bein. Eine deutsche Hilfsorganisation brachte ihn in ein Krankenhaus nach Oberhausen, wo das Bein amputiert wurde. Seitdem trägt er eine Prothese. Seine Eltern waren einverstanden, dass er in Deutschland bleiben und zur Schule gehen wollte. Nach seiner Ausbildung zum Orthopädietechniker hat er einen kleinen Catering-Betrieb eröffnet. Trotzdem bleibt Arman der Theatergruppe treu. „Ich schaffe es meistens so einzurichten, dass ich zu den Proben kommen kann“, sagt er.

Auch Arman hatte bei Hajusom ein neues Zuhause gefunden. Menschen, die ihn mit offenen Armen empfangen haben. Daher weiß er, wie wichtig diese Gruppe für Neuankömmlinge ist. „Viele finden den Einstieg in das Leben hier nicht, sie fühlen sich verloren und geben auf“, erzählt er. „Hajusom ist immer da, ist immer in Bewegung. Es gibt immer etwas zu tun. Wir arbeiten, lachen und feiern zusammen.“ Gerade in den letzten Monaten sind viele afghanische Jungen angekommen, da hilft Arman beim Übersetzen. „Wir wollen ihnen positive Energie geben. Wenn sie Hilfe brauchen, sind wir für sie da.“ Das wissen die Jüngeren wie Emanuel zu schätze. „Hier kann ich erzählen, wenn es mir schlecht geht“, sagt er. „Die anderen verstehen meine Gefühle und ich kann ihnen vertrauen.“ Auch das Theaterspielen hilft dann. „Alles, was wir hier machen, drückt Gefühle aus. Ob durch einen Song, durch die Puppen oder durch uns selbst.“ Arman nennt Hajusom augenzwinkernd „therapeutisch“.

Die Produktionen von Hajusom sind zu einer festen Größe in der Hamburger Theaterlandschaft geworden und vielfach ausgezeichnet. Der Workshop mit Yaya Coulibaly für die neue Produktion „Paradise Maztas“ endet nach zwei Wochen mit einer öffentlichen Probe. Die Jugendlichen spielen einzelne Szenen, singen und tanzen. Yaya Coulibaly ist begeistert von dem Material, das sie in zwei Wochen erarbeitet haben. „Seid stolz auf das, was ihr mitbringt!“, sagt er. „Ihr habt Deutschland etwas zu bieten.“ Und im Paradies, so sagt er zum Abschluss, könne es wie bei Hajusom aussehen: Eine Welt in der man sich gegenseitig respektiert und den anderen sein Leben leben lässt.

 

Michaela Ludwig


Kasten:

Die von Aktion Mensch seit 2010 unter dem Titel NEUE STERNE geförderte Nachwuchsarbeit des interkulturellen Theaterprojekts Hajusom erarbeitet Performance-Produktionen, mit denen es bundesweit auf Tournee geht. Das künstlerische Angebot von Hajusom umfasst die individuelle Beratung und Unterstützung von Flüchtlingskindern in psychosozialen Belangen.

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Menschen, Das Magazin, 1.2013