Background-Image

Trümmerblumen aus der Zukunft

PERFORMANCE In „Silmandé“ beschwört das transnationale Kunstprojekt Hajusom gemeinsam mit dem burkinischen Kunstgartenprojekt „Jardin Silmandé“ und dem Ensemble Resonanz die posthumane Zukunft


Tanzen auf den Trümmern der Erde in die Zukunft: Auch der tödliche Ölschaum erstickt die Hoffung auf eine bessere Welt nicht

 

Dass ihr Anliegen an diesem Abend plötzlich so eine dringende Aktualität bekommen sollte, darauf hätten die Performer*innen vom transnationalen Hamburger Kunstkollektiv Hajusom sicher gern verzichtet. Als sie am Donnerstagabend zur Welt­premiere ihrer „Future Performance“ im Rahmen des Festivals „Theater der Welt“ auf die Kampnagel-Bühne kommen, steht US-Präsident Donald Trump in Washington schon in den Startlöchern, um der Welt düstere Zukunftsaussichten zu verkünden: Der zweitgrößte Emittent von Kohlenstoffdioxid steigt aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aus.

Tatsächlich wirkt das, was Performerin Nebou N’Diaye zu Beginn von „Silmandé“ verkündet, nun wie ein bitterer Kommentar zur Tagespolitik: „Ich würde gern erzählen, dass wir in einer demokratischen Weltordnung leben, in der alle Konflikte friedlich und fair gelöst werden, in der wir Menschen das ökologische Desaster abwenden konnten und eine globale Klimapolitik gefunden haben. Aber wir befürchten das Schlimmste. Wir stimmen uns also ein: Das alte Spiel der Macht!“

Als Shakespeares Lady Macbeth beschwört N’Diaye die Mächte des Teufels, dass sie ihr jede Menschlichkeit und alle Skrupel nehmen: um ihre großen Pläne für eine globale Ölförderung und die Maximierung der Profite verwirklichen zu können. Und schon laufen sie an die Rampe, treffen sich zum gruseligen Gipfeltreffen, die Mächtigen, die Geschäftemacher und ihre Schergen: die Klimawandelleugner und die „ökonomischen Killer“, die im Namen großer Unternehmen die Armen in Schulden ersticken oder gleich mit Gewalt aus dem Weg räumen.

Eigentümliche Charakterfratzen sind das, die nun für anderthalb Stunden die Bühne bevölkern und dem Abend eine ganz eigene Ästhetik des Kaputten geben. Jeder von ihnen ist unverkennbar etwas zu eigen: ein Blick, ein Tic, eine bestimmte Sprechweise oder Haltung. Zugleich wirken sie eigentümlich hohl. Immerzu skeptisch und aggressiv blickt etwa ­Inoussa Dabré ins Publikum und umkreist die anderen; linkisch sich anbiedernd, stolpert Elmira Ghafoori umher; mit zersaustem Haar und flatternden Händen saust Dennis Robert herum und lacht immer wieder unvermittelt laut. Und dazwischen schleicht immerzu dieses stumme, insektenhafte Wesen herum.

Und tatsächlich: als nur übrig gebliebene Hüllen entpuppen sich diese merkwürdigen Figuren – als Gespenster aus der unweigerlich dem Untergang geweihten Ära des Menschen. Nurmehr ein Friedhof sei das, klärt Performer Hamed Ahmadi in der folgenden Szene auf: „Die Körper sind da, aber nicht die Seelen, es ist ein Totentanz. Sie sind blind, sie erkennen nicht, was wirklich passiert. Was ist ihre Wahrheit? Ihre Macht, ihre Geschäfte.“

„Silmandé“: ein großer Kunst-Garten, in dem die Wesen der Zukunft sprießen

In rund 15 lose miteinander verknüpften Szenen beschwört „Silmandé“ – in der Mòoré-Sprache aus Burkina Faso bedeutet das Wort „Strudel“ oder „Wirbelwind“ – dann den in Trümmern liegenden Planeten Erde als großen Garten, auf dem allerlei posthumane Wesen und Gewächse der Zukunft gedeihen. Dreimal müssen sie sich gegen Katastrophen noch bewähren: Erst weht ein großer Sturm silberne Aluminiumteller und Strohhalme über die Bühne, von denen die Performer*innen fast erschlagen werden. Von der Decke ergießt sich Ölschaum, der die ganze Bühne überflutet. Schließlich wird alles verstrahlt.

Dazwischen aber sprießen immer wieder kleine Trümmerblumen, die Hoffnung machen: Reza Rafii, ein junger Hajusom-Performer aus Afghanistan, spricht über seine Liebe zu Bäumen. Aboubakar Badi Maiga aus Goa in Mali erzählt vom Sand, der das Dorf seiner Eltern zerstört – und seiner Zukunft in Europa. Und der Musiker Patrick Kabré, Initiator des titelgebenden „Jardin Silmandé“ in Ouagadougou in Burkina Faso, singt über sein Eco-Art-Projekt.

Dabei greift „Silmandé“ nicht nur auf die Erfahrungen und Perspektiven der Hajusom-Performer*innen zurück, sondern setzt auf die Kraft der Kooperation: Hamburgs Synthie- und Effektgerätemeister Viktor Marek steuert tolle hybride Musik bei, wunderbare Mikromusiken haben die Feldstraßenbunker-Nachbarn vom Ensemble Resonanz eigens beim Österreicher Wolfgang Mitterer in Auftrag gegeben, und lichtdurchflutete Videos hat der Videokünstler Joseph Tapsoba im Garten Silmandé für das Stück gedreht.

Denn auch „Silmandé“ ist – wie jede Hajusom-Produktion – nicht nur eine starke künstlerische Position, sondern auch eine ganz praktische politische Intervention: nicht nur für einen anderen Umgang mit dem Planeten und seinen Ressourcen, sondern vor allem für einen anderen Umgang mit Menschen.

 

Robert Matthies




TAZ, 03.06.2017 ->  Link zum Artikel

ImpressumDatenschutz
TAZ